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Redewettbewerb - Rede von Aida Cissé

Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Lehrpersonen, sehr geehrte Damen und Herren,

wir alle sitzen hier in einem Raum, in einer Gesellschaft, in einem Land, welches sich gerne als modern, offen und vielfältig bezeichnet. Dennoch mussten wir uns erst kürzlich anhören, wie Friedrich Merz behauptete es gebe Zitat: „immer noch dieses Problem im Stadtbild“ – und mit diesem sogenannten „Problem“ meinte der deutsche Politiker, Menschen ohne deutschen Hintergrund. Ich frage Sie: Was macht so eine Aussage mit uns? Mit unserem Zusammenleben? Mit Menschen wie mir, die hier geboren sind und trotzdem als „Fremde“ bezeichnet werden? Solche Wörter sind keine Nebensächlichkeiten. Sie formen unser Denken, beeinflussen unser Miteinander- selbst dann, wenn wir glauben frei von Vorurteilen zu sein.

Rassismus beginnt nicht erst bei offen gezeigter Feindseligkeit. Er beginnt im Kleinen, oft unbewusst. Vielleicht kennen manche unter Ihnen solche Situationen: Jemand wird als „nicht von hier abgestempelt“, als aggressiv und gefährlich, jemand wird gefragt, wo er „wirklich“ herkommt, jemand wird aufgrund seiner Hautfarbe ausgeschlossen, verurteilt und anders behandelt. Es ist nicht auszuschließen, dass im Publikum Individuen sitzen, die sagen, so etwas sei doch nicht böse gemeint. Aber genau darin liegt das Problem. Rassismus entmenschlicht leise, aber wirksam. Wenn Politiker* innen Menschen mit anderer Herkunft als störend oder fehl am Platz darstellen, dann führt dies zur Beeinflussung jener, die im Alltag entscheiden: Wer bekommt diese Wohnung? Wer bekommt diesen Job? Wer bekommt meinen Respekt?

Die Problematik wirkt nicht nur gesellschaftlich, sondern auch Körperlich. Der gemeinnützige Verein ZARA ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich für eine rassismuskritische Gesellschaft, für Zivilcourage sowie gegen Hass im Netz einsetzt. Im Zara-Rassismusbericht, veröffentlich 2025, gibt es zahlreiche Studien, welche klar zeigen: Dauerhafte Diskriminierung führt zu chronischem Stress, der wiederum zu Erkrankungen wie Diabetes, Depression und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen kann. Vielleicht haben sie nie darüber nachgedacht, aber Rassismus macht Menschen krank. Daher geht es also nicht um Empfindlichkeit, sondern um Lebensrealitäten.

Rassismus passiert nicht irgendwo weit weg. Er passiert hier, bei uns, tagtäglich. In schulen, auf der Straße, im Internet und im Arbeitsmarkt. Die Universität Linz hat gezeigt, dass Bewerber* innen mit ausländisch klingendem Namen deutlich seltener zu Bewerbungsgesprächen eingeladen werden, als jene mit typisch österreichischem Namen, obwohl- und jetzt passen Sie bitte aus- die Qualifikationen identisch sind. Ich frage Sie: Können wir von Chancengleichheit sprechen, wenn der Name über Erfolg oder Misserfolg entscheidet? Die Aussage von Friedrich Merz über angebliche „Probleme im Stadtbild“ richtet sich dadurch letztlich gegen jene Menschen, die hier bereits alltägliche Diskriminierung erleben. Und dann ist da das Internet- ein Raum, in dem viele von Ihnen täglich unterwegs sind. Der ZARA-Rassismusreport zeigt, dass über 60% aller gemeldeten rassistischen Vorfälle online stattfinden. Hate-Kommentare, Beleidigungen, Drohungen. Die Anonymität erlaubt es Menschen, das auszusprechen, was sie sich im Alltag nie trauen würden. Doch die Wirkung ist dieselbe: sie verletzt, sie entwürdigt, sie grenzt aus. Auch der öffentliche Raum ist betroffen. Rund ein Viertel aller Vorfälle passieren auf offener Straße. Womöglich waren Sie selbst Zeuge solcher Situationen, womöglich haben Sie weggesehen. Und genau das ist der Punkt: Rassismus entsteht nicht nur durch Täter, sondern auch durch Schweigen.

Ich stehe heute nicht nur vor Ihnen, um Fakten aufzuzählen, sondern um eine Realität zu teilen, die ich selbst erlebt habe. Ich wurde mit dem N-Wort beschimpft. Ich wurde schon als Kleinkind ausgeschlossen, weil ich vermeintlich „anders“ war. Mein Vater wurde vor meinen Augen angespuckt. Wieso? Eine Frage, auf die ich nie eine Antwort haben werde. Ich wurde in Situationen gebracht, in denen ich mich klein und wertlos fühlte. Und doch bin ich hier geboren. Genau wie viele andere Kinder, die jeden Tag erleben müssen, dass sie angeblich „nicht dazugehören“. Als gemischtes Mädchen passe ich nicht in das traditionelle Bild Österreichs, aber auch nicht in das Bild Senegals. Manchmal frage ich mich: Wo gehöre ich hin? Vielleicht denken einige von Ihnen, dass diese Frage übertrieben wirkt. Doch ich bitte Sie, sich einen Moment vorzustellen, wie es wäre, wenn man Ihnen ständig sagt und zu verstehen gibt, Sie seien „anders“. Obwohl Sie hier leben und arbeiten, Deutsch sprechen und genauso fühlen wie alle anderen.

Rassismus betrifft uns alle- diejenigen die ihn erleben, aber genauso jene, die ihn sehen und ignorieren. Er zerstört Chancen, verursacht Krankheiten und spaltet Gesellschaften. Deshalb appelliere ich an Sie: Schauen Sie nicht weg. Hinterfragen Sie Ihre ersten Gedanken. Widersprechen Sie rassistischen Aussagen und sehen Sie Menschen als Menschen, nicht als Kategorien. Eine gerechte Gesellschaft entsteht nicht durch Worte, sondern durch Entscheidungen. Und jede einzelne beginnt bei uns!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.