Rede zum Abschlussabend der Psis
Eine gelebte Utopie
Elternrede zum Abschluss des Maturajahrgangs Psi am 01.07.2026 von Gertraud Leimüller, stellvertretend für die Eltern
Mein Name ist Gertraud Leimüller. Ich bin die Mutter von Laurin. Blicke ich als Elternteil auf den heutigen Tag, kommt mir ein Stoßseufzer: „Sie haben es doch geschafft.“ Eine gelebte Utopie, wie es die Walz ist, ist von Zweifeln begleitet. Wenn rundherum Schule mit permanenten Schularbeiten, Tests und Prüfungen verbunden ist, lässt das Eltern mitunter die Sinnhaftigkeit der Schulwahl anzweifeln. „Was wird aus unserem Sohn werden?“ Diese Frage haben wir uns, insbesondere als Newcomer auf der Walz, oft gestellt. Jetzt hat sich alles gelöst: Herzliche Gratulation den Psis, die Matura ist geschafft!
Doch es geht mir nicht darum, sondern um mehr: die vergangenen 5 Jahre und die Zeit, die auf uns alle zukommt – und welche Rolle die Walz dabei spielt.
Als unsere Töchter und Söhne 2021 hier angefangen haben, war die Welt eine andere. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass nach der Pandemie, die die Psis nicht mehr stark erwischt hat, noch ganz andere Herausforderungen auf uns alle zukommen würden: tektonische Erschütterungen. Ich nenne nur 3 Ereignisse: der Angriff auf die Ukraine 2022, der in Wahrheit ein Angriff auf Europa ist, der Release von Chat GPT im November 2022 und die zweite Ära von Trump. Zusammengenommen haben sie das Empfinden für diese Zeit, für unseren Blick auf Gegenwart und Zukunft fundamental verändert: Die Selbstverständlichkeit des Friedens in Europa, der wirtschaftlichen Prosperität des Kontinents, der Demokratie und Menschenrechte ist erschüttert.
Ich möchte es positiv formulieren: Wir wurden wachgerüttelt. Wir haben an Fokus gewonnen. Gerade heute wurden Umfragen veröffentlicht, wonach die EU, dieses einzigartige Friedensprojekt mehr Zustimmung der Bürgerinnen und Bürger denn je findet.
Doch wie schaffen wir es, Europa auf neue Beine zu stellen, eine sichere Zukunft zu bauen? Wo vorher Innovation als Schlagwort herumgeisterte, ist es jetzt Sicherheit. Ja, es stimmt, wir müssen uns verteidigen können, wir müssen eigene europäische KI-Systeme und Social Media Plattformen entwickeln.
Doch wir benötigen auch ein psychologisches und soziales Fundament und hier möchte ich drei Elemente nennen, für die wir der Walz enorm dankbar sind – weil sie uns helfen, diese Zukunft gut zu meistern, individuell und als Gesellschaft. Was meine ich?
Erstens die Sicherheit in uns selbst.
Wir Menschen brauchen innere Zuversicht, schwierige Aufgaben meistern zu können, auch vor Ungewohntem keine Angst haben zu müssen.
Liebe Psis, schaut her, welche Kraft in Euch steckt, welche Selbständigkeit ihr hier gewonnen habt – in eigenem Denken und im Tun. Die Walz hat Euch geholfen, selbstbewusste, offene Menschen zu werden, die sich schwierige Aufgaben zutrauen und nicht gleich das erste kleine Lüftchen umweht, die Agency haben, den Willen, Neues anzugehen und Träume umsetzen – das ist etwas Besonderes. Das haben KI-Agenten nicht, sondern nur wir Menschen aus Fleisch und Blut.
Doch das ist nur der erste Faktor.
Der zweite ist: Wir Menschen brauchen neben der Sicherheit in uns selbst die Sicherheit in Anderen.
Der Text der deutschen Autorin Lena Schätte, Siegerin des heurigen Bachmann-Wettbewerbs, bei dem es um zwei dicke Schülerinnen geht, hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. Da sagt die eine: „Ich habe gelernt, lustig zu sein und besonders klug, damit sie mir meinen Körper verzeihen. Ich merke mir viele Dinge, ich kann zu allem eine Geschichte erzählen, ich mache die Dickenwitze, bevor sie es tun.“
Die Ausgrenzung von Menschen ist Alltag. Sie passiert ständig und überall. Geschlecht, Hautfarbe, Gewicht, Akzent - Anders sein wird bestraft. Auch Social Media trägt zu den Schablonen bei, in die jede und jeder gepresst wird. Vielen Menschen wird das Gefühl vermittelt, „nicht okay“ zu sein, wie das in der Transaktionsanalyse genannt wird und das ist die Quelle von viel Leid und einer enormen kollektiven Energieverschwendung. Ausgrenzung macht Einzelne und die Gesellschaft insgesamt energie- und mutlos.
Die Walz macht hier einen Unterschied: Sie schafft das Wunder, die Individualität der Person und gleichzeitig die Gemeinschaft zu fördern. Schaut diese Psis an, Sie sind so unterschiedlich in ihren Vorlieben, ihren Interessen, mitunter Freaks und im Aussehen. Und doch halten sie enorm zusammen. Diese Erfahrung ist für ihre Zukunft, aber für uns alle fundamental: Wir können den anderen vertrauen. Wir können so sein, wie wir wirklich sind, wir müssen uns nicht verbiegen und werden dennoch angenommen. Individualität und Gemeinschaft sind kein Widerspruch. Das zu erleben ist äußerst ungewöhnlich und ein Verdienst dieser Schule. Individuelle Sicherheit in sich selbst und gleichzeitig Sicherheit im Angenommensein durch Andere zu finden, gibt uns Kraft für große Veränderungen und die nötigen sozialen Innovationen.
Lasst mich zum dritten und letzten Punkt kommen: Ich nenne ihn persönliche Großzügigkeit, man könnte auch Liebe sagen.
Hier in der Walz haben wir erlebt, dass es normal ist, mehr zu geben als zu nehmen – Mentorinnen und Mentoren, Projektleiterinnen und Projektleiter, Renate, Du als Direktorin, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Walz tun das. Sie haben keinen Beruf, sie leben eine Berufung: Sie geben mehr als sie nehmen. Diese Großzügigkeit ist Programm. Das ist außergewöhnlich und ich möchte mich dafür ausdrücklich bedanken.
Sicherheit in uns selbst, Sicherheit und Angenommensein durch andere und Großzügigkeit, was den eigenen Zeit- und Energieeinsatz anbelangt, wenn es darum geht, zu helfen oder sich für eine Sache einzusetzen. Wenn wir diese drei Elemente, die wir hier bekommen und erlebt haben, in die eigene Zukunft mitnehmen, bin ich optimistisch, dass wir es schaffen werden, die Herausforderungen in Europa, das wir so sehr lieben, zu bewältigen.
Wir wünschen der Walz, dieser gelebten Utopie, von Herzen alles Gute und möchte an Euch appellieren, nicht nur die Absolventen, sondern auch uns Eltern als Ressource zu nutzen: Wir stehen zur Verfügung.