Zurück zur Übersicht

Welterfahrung

Im Rahmen der 25-Jahr Feier hielt Paco, Jahrgang Psi, eine Rede über sein vierwöchiges Sozialpraktikum in Israel, wo er erst bei der Israeli Defence Force (dem Militär von Israel), dann in einem ehemaligen Pilgerhospiz in Jerusalem arbeitete.

Immer, wenn ich etwas lernte, entstanden in mir neue Fragen

Mein Name ist Paco Prinzhorn. Ich bin 18 Jahre alt und bin jetzt, nach fünf Jahren auf der Walz, in der Maturaklasse dieser Bildungseinrichtung. Wie Sie vielleicht alle wissen, haben wir hier mindestens drei Auslandspraktika zu absolvieren. Man reist in ein fremdes Land, um die Sprache zu lernen, soziale Einrichtungen zu unterstützen und neue Kulturen kennenzulernen. Doch man muss, auch wenn die Schulleitung das vielleicht nicht hören will, zugeben, dass nicht immer alle Projekte so verlaufen, wie vorgesehen. Man lernt vielleicht weniger als erwartet, arbeitet weniger als vorgenommen und die kulturelle Erfahrung beschränkt sich auf ein kleines Zimmer. Aber manchmal erlebt man bei den Praktika sehr viel mehr als gedacht.

Ich bin vor einem Jahr für mein Sozialpraktikum für vier Wochen nach Israel geflogen. Ich war schon zwei Mal davor im Land gewesen und konnte meine Erfahrungen mit dem Land nicht mit dem in den Medien verbreiteten Bild vereinbaren. Die erste Woche verbachte ich also bei der Israeli Defence Force, beim Militär von Israel, und die anderen drei hatte ich die Möglichkeit in Jerusalem mit hauptsächlich Palästinensern zu verbringen. Dass diese zwei Gegensätze groß waren, war zu erwarten, aber wie sehr sie mich verändern würden, konnte keiner wissen.

Kurz nach meiner Einreise in Tel Aviv begab ich mich in den Norden Israels, in die Nähe von Nazareth, auf eine Militärbasis. Über eine Organisation hatte ich die Möglichkeit etwas zu sehen, was ich davor noch nie gesehen hatte und mir eine eigene Meinung über die rechte Fraktion des Landes zu bilden. Meine Aufgabe war es Kriegsmüll, also hauptsächlich Munitionsboxen und ähnliches, zu sortieren und für die Wiederverwendung zu stapeln. Ich verbrachte nur eine Woche auf dieser Basis nahe dem Libanon und trotzdem war es eine der eindrücklichsten Zeiten meines Lebens.

Ich versuchte ohne Erwartungen in diese Erfahrung zu gehen, um Vorurteile zu verhindern. Ich erlebte, wie ein Ire, der schon mehrere Praktika beim israelischen Heer gemacht hatte, über jegliche Ausländer in Irland lästerte. Gleichzeitig lernte ich Amit Sharon kennen, einen Israeli, der ausgewandert war, um nicht im Militär dienen zu müssen. Ich habe zwar keine Ahnung, warum er dann beim IDF ein Praktikum machte, aber er verbesserte meine Zeit auf der Basis sehr. Ich erlebte, wie unterschiedlich die Menschen von der Darstellung auf den sozialen Medien sein konnten. Ich weiß nicht, ob ich sagen würde, dass meine Zeit auf der Militärbasis eine gute Zeit war. Ich war umzingelt von Waffen und extremen Meinungen, aber ich habe so viel gesehen und erlebt wie selten zuvor.

Ich habe gesehen, wie viele unterschiedliche Menschen Krieg zusammenführt. Ich habe gesehen, wie viel Abfall Krieg produziert. Ich habe erlebt, was es heißt, kritisch Information aufzunehmen. Ich habe erlebt, wie extrem Menschen sein können. Ich habe erlebt, dass Vorurteile zu Ausgrenzung, falschen Bildern und Hass führen können. Hätte ich den sozialen Medien vertraut, hätte ich mich niemals mit Amit angefreundet.

Die nächsten drei Wochen verbrachte ich im österreichischen Pilgerhospiz in Jerusalem. Das frühere Hospiz ist jetzt ein Hotelbetrieb mit Café, in dem ich mithelfen durfte. Es befindet sich im arabischen Teil der Altstadt, ist also umgeben von Minaretten und arabischen Süßigkeiten. Dinge, die ich in der Woche davor nie gesehen habe. Fast jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin des Hospizes wohnen im Westjordanland und sind Palästinenser. Sie alle hießen mich willkommen, wie zum Beispiel Jiries, der deutsch lernte, mich also für sein Vokabeltraining immer mit neuen Beschimpfungen zu überraschen versuchte. Jack brachte mir die Arbeit im Betrieb bei. Er zwang mich alles Mögliche zu putzen und erzählte mir von dem Leben zwischen Israel und Westjordanland.

Ich erlebte innerhalb von einem Monat zwei absolut unterschiedliche Seiten und Meinungen und ich hatte die Möglichkeit mir inmitten von Krieg, Café, Strand und Stadtleben eine eigene Meinung zu bilden. Ich konnte in eine mir davor unbekannte Welt eintauchen und sowohl gute als auch schlechte Seiten sehen.

Ich weiß nicht wie viele von Ihnen den Film „Stand by me“ kennen, aber in diesem Film treten vier Jugendliche eine Reise an. Als sie nach zwei Tagen zurück in ihr Dorf kommen, das davor ihre ganze Welt war, fühlt es sich klein an. Genau so fühlte ich mich, als ich aus Israel zurückkam. Mir fehlten neue Eindrücke, neue Weltansichten, neue Fragen und die Möglichkeit mir eine neue, eigene Meinung zu bilden.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, ob ich so etwas jedem empfehlen würde. Die Frage ist eher, was ich hier überhaupt empfehle: Ich empfehle jedem ein Land vollständig kennen zu lernen und nicht nur die schöne, sondern auch die schlechten Seiten zu besuchen. Ich hatte in Israel die Möglichkeit mir eine eigene Meinung zu bilden und immer, wenn ich etwas lernte, entstanden in mir neue Fragen.

Auch wenn ich mich beim Mittagessen auf der Militärbasis unwohl gefühlt habe, weil drei Gewehre auf mich gerichtet waren, würde ich es jeden Tag wieder machen. Ich würde wieder erleben wollen, wie in allem Schlechten auch etwas Gutes steckt, wie zum Beispiel Amit Sharon inmitten der Waffen, und wie man selbst durch schwierige Erfahrungen wächst und lernt. Ich habe gelernt offener zu sein, auf Menschen zuzugehen, Fragen zu stellen und gleichzeitig nicht alles zu glauben, was ich höre.

Unsere Welt ist so viel größer, als wir glauben und wenn man die Möglichkeit hat sie zu erfahren, sollte man sie ergreifen.

Ich bin dankbar, dass ich durch die Walz die Möglichkeit hatte auf so eine lebensverändernde Reise zu gehen. Ohne den Rahmen dieser Schule und die Zeit, welche diesem Erlebnis gewidmet war, wäre ich vielleicht nie in Israel gewesen.

In dieser Schule lernt man dann doch immer mehr als erwartet.